
Vom Stamm zum Möbel: #02 Das Hobeln
Ein Möbel entsteht nicht erst an der Werkbank. Teil 2 unserer Reihe „Vom Stamm zum Möbel“ zeigt, wie aus sägerauen Lamellen durch Abrichten und Dickenhobeln gerade, ebene und maßhaltige Flächen werden – und warum das Holz beim Hobeln zum ersten Mal Farbe und Maserung zeigt.
Im ersten Teil unserer Reihe „Vom Stamm zum Möbel“ haben wir gezeigt, wie die sägerauen Holzbohlen aufgetrennt und dabei Risse, Äste und andere natürliche Merkmale berücksichtigt werden. Nun geht es mit den entstandenen Lamellen weiter.
Und dieser Arbeitsschritt gehört für uns jedes Mal zu den schönsten Momenten in der Massivholzverarbeitung: Wir hobeln das Holz.
Denn unter der sägerauen und zunächst unscheinbaren Oberfläche verbirgt sich bereits das Holz, das später am fertigen Möbel sichtbar sein wird. Beim Hobeln kommt es zum ersten Mal richtig zum Vorschein.
Vom sägerauen Holz zur ebenen Lamelle
Nach dem Auftrennen besitzen die einzelnen Holzlamellen noch keine exakt geraden und parallelen Flächen. Die Oberfläche ist rau und trägt sichtbare Spuren des Sägeprozesses. Außerdem ist Holz ein natürlicher Werkstoff und kann während der Trocknung seine Form verändern.
Eine Lamelle kann beispielsweise leicht gebogen, verdreht oder ungleichmäßig sein. Bevor daraus präzise Möbelteile entstehen können, müssen deshalb zunächst saubere Bezugsebenen geschaffen werden. Genau dafür benötigen wir zwei Arbeitsschritte: das Abrichten und das Dickenhobeln.
Schritt 1: Das Abrichten
Beim Abrichten geht es zunächst darum, eine ebene und gerade Fläche herzustellen. Die sägeraue Lamelle wird über die Abrichthobelmaschine geführt. Dabei wird so viel Material abgenommen, bis eine saubere und ebene Bezugsfläche entsteht.
Anschließend wird auch eine Kante rechtwinklig zu dieser Fläche abgerichtet. Damit haben wir zwei entscheidende Bezugsflächen geschaffen: eine gerade Fläche und eine dazu passende Kante. Diese bilden die Grundlage für alle weiteren Bearbeitungsschritte.
Denn präziser Möbelbau beginnt nicht erst beim Zusammenbau. Er beginnt bereits hier.
Warum kann man das Holz nicht einfach auf die gewünschte Dicke hobeln?
Auf den ersten Blick könnte man meinen: Warum die Lamelle zuerst abrichten? Man könnte sie doch einfach durch den Dickenhobel schicken, bis die gewünschte Stärke erreicht ist. Ganz so einfach funktioniert es nicht.
Ein Dickenhobel erzeugt eine Fläche, die sich an der bereits vorhandenen gegenüberliegenden Fläche orientiert. Ist diese Ausgangsfläche nicht eben, entsteht dadurch nicht automatisch ein vollständig gerades Werkstück.
Deshalb schaffen wir zunächst beim Abrichten eine saubere Referenzfläche. Erst danach können wir die gegenüberliegende Seite exakt parallel dazu bearbeiten.
Schritt 2: Das Dickenhobeln
Nach dem Abrichten folgt das Dickenhobeln. Jetzt wird die Lamelle auf ihre benötigte Materialstärke gebracht. Die zuvor abgerichtete Fläche dient dabei als Referenz. Von der gegenüberliegenden Seite wird kontrolliert Material abgenommen, bis die gewünschte Dicke erreicht ist.
Dadurch entstehen zwei ebene und zueinander parallele Flächen. Aus der sägerauen und möglicherweise leicht verzogenen Lamelle wird damit Schritt für Schritt ein präzise bearbeitetes Ausgangsmaterial für den weiteren Möbelbau.
Und plötzlich zeigt das Holz seinen Charakter
Neben der technischen Bearbeitung gibt es beim Hobeln aber noch einen ganz anderen Moment, den wir besonders mögen. Mit jedem Hobelgang verschwindet die raue Oberfläche. Und darunter kommt plötzlich das zum Vorschein, was vorher nur zu erahnen war: Farbe. Maserung. Jahresringe. Äste. Struktur.
Eine unscheinbare sägerauhe Lamelle kann nach dem ersten Hobelgang vollkommen anders aussehen. Genau deshalb sprechen wir gerne vom Aha-Moment beim Hobeln. Erst jetzt lässt sich das spätere Erscheinungsbild des Holzes wesentlich besser beurteilen.
Kein Stück sieht gleich aus
Nach dem Hobeln zeigt sich auch besonders deutlich, warum wir so gerne mit Massivholz arbeiten. Jede Lamelle besitzt ihre eigene Zeichnung. Manche Bereiche wirken sehr ruhig und gleichmäßig. Andere zeigen ausgeprägte Jahresringe, Äste oder lebhafte Strukturen. Auch Farbunterschiede innerhalb derselben Holzart gehören dazu.
Für uns sind diese Unterschiede keine störenden Abweichungen. Sie sind Teil des Materials. Unsere Aufgabe besteht später darin, die einzelnen Lamellen so auszuwählen und miteinander zu kombinieren, dass daraus ein harmonisches Gesamtbild entsteht.
Präzision beginnt lange vor dem fertigen Möbel
Das Abrichten und Dickenhobeln wirken auf den ersten Blick vielleicht wie reine Vorbereitungsschritte. Tatsächlich haben sie aber großen Einfluss auf die spätere Qualität. Nur wenn die einzelnen Teile gerade, eben und maßhaltig vorbereitet sind, können sie in den folgenden Arbeitsschritten präzise miteinander verarbeitet werden.
Schon kleine Ungenauigkeiten würden sich ansonsten durch die weitere Fertigung ziehen. Das gilt besonders bei größeren Flächen, bei Holzverbindungen oder beim späteren Verleimen mehrerer Lamellen. Deshalb nehmen wir uns bereits bei der Vorbereitung des Materials die notwendige Zeit.
Qualität entsteht nicht erst beim letzten Arbeitsschritt. Sie beginnt beim ersten.
Warum fällt beim Hobeln so viel Material weg?
Wer zum ersten Mal sieht, wie eine sägerauhe Bohle zu fertigen Lamellen verarbeitet wird, ist manchmal überrascht, wie viel Material dabei abgetragen werden muss. Doch eine rohe Holzbohle besitzt nicht überall dieselbe Stärke und ist selten vollkommen gerade.
Beim Auftrennen und Hobeln müssen deshalb Bereiche entfernt werden, die für ein gerades und maßhaltiges Werkstück nicht verwendet werden können. Unser Ziel ist dabei immer, so materialschonend wie möglich zu arbeiten.
Bereits beim Auftrennen überlegen wir deshalb, welche Bereiche der Bohle wir benötigen und wie wir die einzelnen Lamellen möglichst effizient gewinnen können. Je besser die Auswahl und Vorbereitung, desto sinnvoller können wir den wertvollen Rohstoff Holz einsetzen.
Hobeln auf einen Blick
Ausgangsmaterial: Sägeraue, aufgetrennte Holzlamellen.
Abrichten: Eine ebene Fläche und eine dazu passende Bezugskante werden hergestellt.
Dickenhobeln: Die gegenüberliegende Fläche wird parallel bearbeitet und die Lamelle auf die benötigte Stärke gebracht.
Das Ergebnis: Gerade, ebene und maßhaltige Lamellen als Grundlage für die weitere Verarbeitung.
Und der schönste Nebeneffekt: Zum ersten Mal werden Farbe und Maserung des Holzes richtig sichtbar.
Vom Stamm zum Möbel – Schritt für Schritt
Nach dem Auftrennen und Hobeln haben sich unsere Holzbohlen bereits deutlich verändert. Aus dem sägerauen Ausgangsmaterial sind einzelne, sauber bearbeitete Lamellen entstanden. Doch einfach miteinander verleimen können wir sie deshalb noch lange nicht.
Jetzt beginnt ein Arbeitsschritt, der das spätere Erscheinungsbild des Möbelstücks entscheidend beeinflusst: Wir müssen die einzelnen Lamellen auswählen, sortieren und miteinander kombinieren. Welche Maserungen passen zusammen? Wie verlaufen die Jahresringe? Welche Farbunterschiede harmonieren miteinander? Und welche Seite einer Lamelle soll später überhaupt sichtbar sein?
Genau darum geht es im nächsten Teil unserer Reihe „Vom Stamm zum Möbel“. Denn aus einzelnen schönen Brettern entsteht noch lange keine schöne Fläche.
Michael Bachner
Geschäftsführer
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